TELESKOP // SPAREN BIS ES KRACHT
Wir müssen sparen, sagt der Säckelwart. Sparen, sparen, sparen. Den Gürtel enger schnallen. Wir müssen uns von den fetten Zeiten verabschieden. Schnitzellands Säckelwart ist nicht der einzige, der dies sagt. Kaum ein Finanzminister im reichen Europa, der nicht ähnliche Töne anschlägt. Aber was meinen die Truchsesse mit Sparen? Meinen sie damit das Füllen des Sparschweins, das Bunkern der Überstände, das Anlegen von Kapital?
Das meinen sie nicht. Mit Sparen meinen sie Einsparen. Das Kürzen von Ausgaben, das Streichen von Transferleistungen. Finanzpolitik ist nicht nur Jonglieren mit Zahlen, Finanzpolitik ist vor allem ein Spiel mit Worten. Sparen klingt gut. Klingt besser als Einsparen.
Gürtel-enger-schnallen klingt gut, klingt besser als Hungern. Ausgabenkürzen klingt gut, klingt besser als Streichen von Leistungen, klingt besser als Erhöhen von Steuern. Dem Staat fehlt Geld. Viel Geld. Ihm fehlt das Geld, das er gerade mit vollen Händen ausgegeben hat. Für die Rettung der Banken, für die Stabilisierung der Finanzmärkte. Wie hieß der Spruch der fetten Jahre? „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut!“
Das doofe Junktim von Wirtschaftsblüte und persönlichem Wohlbefinden lässt sich auch umgekehrt verkaufen. Geht’s den Finanzhaien schlecht, geht’s der Wirtschaft schlecht, geht’s der Wirtschaft schlecht, geht’s uns allen schlecht.
Allein, die Rechnungen stimmen nicht. Vom Wohlergehen der Finanzmärkte hatten vor allem die Banker was. Der kleine Mann und die kleine Frau schauten durch die Finger. Als die Pyramidenspiele der Boni-Milliardäre in die Luft flogen, traten die Säckelwarte auf den Plan, pumpten Milliarden in die Monopolykassen und laberten salbungsvolle Texte in die Mikros. An den Boni der Banker und Brooker änderte sich nichts. Am System änderte sich nichts. Das Rating-Kartell dachte sich ein neues Spiel aus und begann Staaten gegen den Abgrund zu stoßen. Wieder traten die Finanzminister auf den Plan und abermals schnürten sie Riesenpakete. Und wieder schaffen sie uns das Sparen an. Stiftungsvermögen, arbeitslose Einkommen durch Kapitalerträge, Bilanzmagie durch Gruppenbesteuerung, mafiöse Praktiken und das Vergeuden von Energie bleiben unangetastet. Das Kapital sei scheu wie ein Reh, sagen die Säckelwarte und meinen damit: Es sucht sich andere, denen es via Lobbyisten Geld in den Parteiarsch bläst. Vielleicht sollten wir uns diese scheuen Rehe sparen. Und mit ihnen Lobbyisten, Boni-Akrobaten und die Gürtel-Enger-Schnaller.
Die Filmregisseurin und Autorin Andrea Maria Dusl ist Studentin, schreibt für zahlreiche Zeitungen und hostet www.comandantina.com. Soeben erschien ihr neuer Roman „Channel 8“.

