DIE QUELLE DES GUTEN LEBENS, VON GLÜCK UND GELD FÜR ALLE

Foto: Bernhard Bruckner

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Am Meer. Die Sonne ist aufgegangen. Es ist sechs Uhr morgens. Ich denke an das Gute Leben für alle. Später sitze ich mit einem österreichischen Arzt an der Strandbar und führe ein Gespräch – natürlich auch über die Finanzkrise. Was, wenn „alles“ zusammenbricht? Das Meer wird weiter rauschen. Aber werden wir noch am Strand sitzen können? Wer bezahlt die Cappuccini?


In Bad Radkersburg trifft sich eine Gruppe zu einer Vorbesprechung zum Kongress über „Das Gute Leben für alle. Zum Beispiel in Bad Radkersburg“.

Bad Radkersburg ist eine gute Stadt, meint eine Geschäftsfrau. Die Leiterin des Kindergartens liebt die Stadt. Die Natur ist schön. Die Stadt idyllisch und voller Menschlichkeit. Ein Mann aus Salzburg erklärt den Unterschied zwischen dem Tourismus in Salzburg und im ruhigen Süden der Steiermark. Das Leben hier sei beschaulich, aber es muss auch Erneuerung geben, meint er. Die Konkurrenz schlafe nicht.
Die wirtschaftspolitische Lage der Stadt wird ausführlich besprochen. Ihre Chancen, die es zu nutzen gälte. Die Rede kommt auf den Finanzausgleich. Bald würden viele Gemeinden finanziell „an die Wand fahren“. Wie werden die öffentlichen Verpflichtungen in Zukunft finanziell zu leisten sein?

Nur ein Traum

War das Gute Leben für alle nicht immer nur ein Traum? In Paris, Havanna. Als die französischen Revolutionäre den König entmachteten, entzogen sie ihm in einer der
ersten Maßnahmen die Budgethoheit.
Aber reichte das? Hungersnöte lehrten, dass es bei der Organisation der Notwendigkeiten des täglichen Lebens mehr bedarf als des Sturzes des Königs. Und auch der Held der Revolution, Che Guevara, musste sich als Direktor der kubanischen Nationalbank mit wesentlichen Fragen der Geldpolitik auseinandersetzen.
Das gute Leben und das Geld? Wir wissen, dass das Gute Leben, Glück, auch Gesundheit und manchmal sogar das Leben selbst vom Geld abhängen. Jeder weiß, dass der Erwerb der notwendigen Dinge des Lebens durch Geld ermöglicht wird.
Weiß jeder, wie das Geld entsteht? Woher es kommt? Wo seine Quelle ist? Viele glauben heute noch, das Geld sei mit dem Gold verbunden, weil das historisch einmal der Fall gewesen ist. Dass es sich heute nur mehr um ein Äquivalent (eine zahlenmäßige Entsprechung zu Waren und Dienstleistungen handelt), ist für viele schwer vorstellbar.
So will wohl jeder, dem ein Gutes Leben für alle ein Anliegen ist, über die Verteilung dieses wichtigen Gutes und Mittels Klarheit haben.
ExpertInnen sprechen oft in unverständlicher Sprache (1). Was verstehen die PolitikerInnen davon? Wer sind jene Menschen, die eine gerechte Verteilung und das Gute Leben für alle anstreben?

Suche nach den Ursachen

Dass am Ende dieser Diskussionen als Ergebnis ein überzeugender Vorschlag für eine Verbesserung der Lebensbedingungen, für ein Gutes Leben, stehen soll, ist der große Traum, den viele Nachdenkliche, auf die Aufklärung Setzende nicht aufgeben und sich deshalb dieser Grundfrage stellen. Wer sonst? Nehmen wir alle an, dass Geld in unserer gegenwärtigen Gesellschaft eine zahlenmäßige Entsprechung darstellt, abstrakte Zahlen, die auf einem Konto stehen, überwiesen werden oder in Form von Scheinen ausgegeben werden können.
Damit können unterschiedlichste Möglichkeiten realisiert werden. Auf den jeweiligen
Märkten können damit Produkte gekauft werden, jemand kann zu Arbeit verpflichtet, Rechte können vergeben werden, mit denen dann auch auf den Finanzmärkten gehandelt werden kann. Stimmen wir in der Annahme überein, dass Zahlen mit Rechten verbunden sind, Recht auf Konsum, Recht jemanden zu Arbeit verpflichten zu können? Dass Kredite die Vergabe von Möglichkeiten und deren zukünftige Verwirklichung in Zahlen darstellen?

Die Quelle

Im Kreditwesen liegt die Quelle. Dort ist die Quelle eines neuen, gerecht verteilten, ökologisch vertretbaren Reichtums, der durch entsprechende neue politische Maßnahmen und Maßregeln geschaffen werden könnte. Dass der Ursprung des Geldes die Produktion ist und die Geldgewinnung und Verteilung einer Norm folgt, der jede UnternehmerIn und GeldgeberIn unterworfen ist, dass er/ sie gewinnbringend investieren muss, ist eine herrschende Grundregel unserer Gesellschaft.
Dieses Gesetz gilt es in all seiner Bedeutung und Auswirkung zu verstehen, in seiner Grundlegung zu erkennen und an die gegenwärtigen Bedingungen anzupassen.
In diesem Prozess von Produktion und Konsumtion herrschte immer wieder – und gegenwärtig besonders – ein sehr instabiles Gleichgewicht, in dem der Geldstrom schwer aufrechterhalten wird. Das hat nach dem Zweiten Weltkrieg aufgrund der Investitionsmöglichkeiten einigermaßen funktioniert und so konnte der geschaffene Reichtum zumindest bei uns einigermaßen zufrieden stellend verteilt werden. Heute herrscht große Unsicherheit darüber, wie dieses Gleichgewicht zu erhalten ist. Blasen bilden sich, die dann regelmäßig platzen. Die so entstehenden Verluste ziehen den Verlust der Glaubwürdigkeit und ein Stocken des üblichen Geldflusses nach sich. (2)
Die Geldflüsse werden dann durch die Zuwendungen des Staates, der Schulden macht, ausgeglichen. Dazu hat der Staat das Recht, Milliarden zur Verfügung zu stellen. Wer dieses Recht hat, hat die Macht. Über diese Macht genau Bescheid zu wissen, die Grundregeln zu kennen und sie zu beherrschen, auf diese politisch Einfluss zu nehmen, sind Voraussetzungen für vernünftige Entscheidungen.
Dann kann die Quelle auch für die neuen großen und notwendigen Vorhaben nutzbar gemacht werden. Diese Quelle kann missbraucht werden und ist historisch auch missbraucht worden. Das aber kann kein Grund sein, die Möglichkeiten, die sie eröffnet nicht zu berücksichtigen.
Wurden denn die großen Gemeindebauten wie in Wien nicht auch aufgrund dieser Möglichkeit gebaut? Nicht die Bewohnung von Schönbrunn durch Obdachlose ist das Ziel, sondern die Befriedigung elementarer Bedürfnisse. Die Mittel dazu könnten aus dieser Quelle geschöpft werden. Dazu brauchen wir kein Gold und keine Reichen sondern nur die politische Ermächtigung und eine entsprechende Gesetzgebung.

Die Hoffnung

Angesichts der herrschenden kritischen Situation unserer Gesellschaft erscheint das Gute Leben äußerst bedroht. Es wird immer schwieriger, das aufgebaute Erwerbs- und Verteilungssystem aufrecht zu erhalten. Wirklich gerechte Verteilung hat es ohnehin nicht zustande gebracht. Wie wäre es zu schaffen? Was tun nach einem Zusammenbruch? Welche Maßnahmen setzen? Was würde etwa ein „grüner“ Präsident der Europäischen Zentralbank machen? Wie entscheiden? In der Krise? Nach der Krise?
Es besteht die Hoffnung, dass es durch das Klarwerden über die Grundprinzipien des Zusammenhangs von Gutem Leben und den dafür notwendigen (Geld)Mitteln trotz der herrschenden Interessen bald zu einem gerechten, gesunden und menschlichen Leben kommt.
So lebt der europäische Traum, dass es uns gelingen könnte, eine wirkliche Erneuerung unserer Gesellschaft herbeizuführen. Noch hat sie keine Panik befallen und so können wir über Maßnahmen nachdenken und verhindern, dass schreckliche politische Fehler wiederholt werden.
Die Hoffnung lebt. Das Gute Leben für alle ist möglich.


Christian Wabl ist Projektleiter bei der Grünen Akademie und Organisator des Kongresses „Das Gute Leben für alle“ in Bad Radkersburg.


(1) Jürgen Kremer: „Von den blinden Flecken der Volkswirtschaftslehre“.
www.humane-wirtschaft.de (01/2009)

(2) „Ich habe das Bild vor mir, dass alle wie im Hollywood-Film von einer Sekunde auf die andere erstarrt sind, wie eingefroren, als hätte jemand das normale Leben angehalten. Science-Fiction als Realität (...) der Geldmarkt war ab Mai 2008 teurer geworden und dann erstarb über Nacht der gesamte Geldverkehr zwischen den Banken.“ sagte Herbert Stepic, der Chef von Raiffeisen International am 12. September 2009 der Kleinen Zeitung.