GLÜCKMAXIMIERUNG IM NIHILISTISCHEN „SINNE“

Träume, Erwartungen, Vorstellungen und Zukunftsplanungen sind Bestandteile des Lebens. Beinahe jeder junge Mensch hat ungefähre Vorstellungen und Erwartungen von seiner Zukunft. Doch was kann man sich erwarten vom Leben? Was soll man hoffen? Soll man überhaupt hoffen? Und wie würde das „perfekte“ Leben aussehen?

Das ferne Ziel am Horizont, die Beschäftigung mit der Zukunft, das Streben nach dem Guten Leben scheint dem Menschen immanent und bestimmt das gesamte Verhalten der Menschheit. Auch wir werden in der modernen Welt von heute ständig damit konfrontiert. Die Frage nach dem „guten“ Leben wird für uns vor-beantwortet, in Medien verpackt und über die Menschheit geflutet. Die Auslagen in den Straßen präsentieren uns jeden Tag das Gute Leben, das glänzende Normbild, nach dem wir alle verzweifelt streben. Das Normbild, das die meisten von uns schlucken. Wie Gift wird es uns injiziert, damit wir alle zu sehnsüchtigen, geistig verkrüppelten Individuen werden, die sich nichts tiefer in ihrem Inneren wünschen, als die glückliche Familie in der Joghurtwerbung zu werden. Es ist nicht wichtig, ob es die glücklichen oder sexuell erfolgreichen Werbefiguren, Idole, oder Marionetten eines totalitären Systems sind, es ist nur wichtig, dass es etwas gibt, etwas am Ende des Tunnels, etwas nach dem wir streben können.

Umgeben von einer Scheinwelt halten wir an einer Norm fest, werden wir zu umherirrenden Wahnsinnigen, die nach ihrer Glückseligkeit suchen, werden wir lieber zu Suchenden, die ihr Ziel nicht erreichen können, als den Glauben an das Gute Leben jemals aufgeben. Der Wille zur Ohnmacht, die Abgabe der Verantwortung an Höheres, zu dem die meisten Menschen seit jeher prädestiniert sind, hat heutzutage eine neue Form angenommen. Der Kapitalismus hat sich als neue Weltreligion behauptet. Doch woher kommt dieser Drang nach einem perfekten Leben, oder dessen Erfüllung im Jenseits und inwieweit ist es überhaupt sinnvoll vom Guten Leben zu träumen?

Sinnprojektion und nostalgische Selbstreflektion

Das menschliche Gehirn hat geniale Strategien entwickelt, um unser Bewusstsein zu täuschen, um uns irgendwo, in irgendeiner Weise immer auf das ferne Ziel am Horizont hinzuweisen, uns dessen Existenz glaubwürdig zu machen und uns auf die Reise zu schicken. Leben ist Leiden. Wir müssen handeln, um Leid zu verringern, und müssen Schmerz kompensieren.

Wir setzen uns Ziele auf den Horizont, die im Endeffekt nichts anderes als Rückschlüsse auf vergangene Zustände sind. Wir wären ja nicht dazu in der Lage uns etwas vorzustellen, das wir noch nie erlebt haben, wir können das Gute Leben ja nicht nachempfinden, können uns den Himmel nicht vorstellen. Neues bleibt undenkbar. Und so verklären wir unsere Vergangenheit, um nostalgische Selbsterhaltungslügen anzufertigen, die wir wieder auf den Horizont projizieren. Meist in Form von unerreichbaren Träumen, die uns bis zu unserem Lebensende erhalten bleiben. Doch manchmal, und das ist der wirkliche Fluch, werden diese Ziele erreicht und man verspürt für einen Moment den bodenlosen Abgrund, bis man sein Ziel wieder in der Vergangenheit findet.

Es heißt: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, doch wenn das wirklich so ist, wären wir dann nicht lieber wandelnde Tote? Zu hoffen ist der erste Schritt in Richtung Verlust und zu verlieren ist wieder der erste Schritt zum Hoffen. Näherer philosophischer Betrachtung hält ein zukunftsorientiertes Leben nicht stand. Tausende Male haben geniale Köpfe aus verschiedensten weltanschaulichen Gründen das Leben in der Gegenwart angepriesen.
Doch wie soll man dieses gegenwärtige Leben verstehen? Und noch viel wichtiger: Wie soll man es leben? Für mich heißt gegenwärtiges Leben ein Leben unter dem Motto zu führen, dass alles so wie es ist gut ist, dass alles dort wo es ist richtig ist. Dass man sich dem Leben möglichst kampflos hingibt, in dem immerwährenden Gedanken, dass man über keinen freien Willen verfügt, von Schuld und Verantwortung, von Stolz und Selbstachtung befreit und sich als Teil eines deterministischen Kosmos sieht. Wir Menschen streben von Grund auf nach Glückmaximierung, ja sind sogar dazu verdammt, weil wir letztendlich niemals hätten anders handeln können als wir es de facto taten und niemals etwas anderes machen können als das, was wir als besten Weg in eben diesem Moment empfanden.
Doch wir werden niemals vollkommen glücklich sein, werden niemals vollendet sein, werden niemals das Gute Leben leben, denn wie bereits erwähnt definiert sich Leben
durch Leiden. Leiden ruft immer den Drang zur Existenzerweiterung hervor. Ein vollkommen glücklicher Mensch wäre evolutionär sowie gesellschaftlich unbrauchbar, wäre ein Stein, eine Sandsäule inmitten rasender Menschenmassen.

Bewusstseinstötung

Doch wenn wir dieser Stein nicht sein können, was dann? Was entsteht aus der Abschwörung von Willensfreiheit, in Anbetracht der Erkenntnis, dass Existenzerweiterung ein uns immanenter Bestandteil ist?

Wir werden zu keinem Stein sondern vielmehr zu einer Welle in einem tobenden Meer, einer Welle, die nur aufgrund einer vorherigen existiert und deren Handlungen nur gezwungene Resultate eines deterministischen Systems sind. Somit können wir uns von dem Gedanken des eigenverantwortlichen Versagens befreien und uns mit dem Unabwendbaren abfinden. Ob dann schließlich dieses gezwungene Verhalten soziopathische Ausmaße annimmt oder nicht, ist nicht für das Individuum relevant, sondern für die Gesellschaft.

In genauerer Betrachtung weist jeder philosophische Lebensweg, jede Überzeugung von der Askese bis zum Hedonismus in eine bewusstseinsauflösende Richtung. Wir als Individuen können also nichts weiter zu unserer Glückmaximierung beitragen, als uns so weit wie möglich von unserem Bewusstsein, von unserem Ich befreien, das nur einen Kampf kämpft, der bereits verloren ist.


Simon Graf lebt derzeit in Fürstenfeld und Graz und ist gerade dabei das BORG Güssing abzuschließen.