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Buchcover

Beim Durchforsten meiner Bibliothek fiel mir jüngst ein Sammelband des 1993 verstorbenen britischen Sozialhistorikers Edward P. Thompson mit dem etwas kryptischen Titel „Plebeische Kultur und moralische Ökonomie“ in die Hände. Thompson gilt mit Eric Hobsbawm als Pionier einer Geschichtsschreibung „von unten“. Im Zentrum der 1980 auf Deutsch erschienene Aufsätze steht eine Protestkultur, die die englischen Unterklassen des 18. und 19. Jahrhunderts den Zumutungen des Industriekapitalismus entgegensetzten. Thompson spricht von einer „moralischen Ökonomie“ einer Bezugnahme auf Normen und Werte aus einer vorkapitalistischen „plebeischen Kultur“, mit der zum Beispiel vom „Markt“ diktierte Preise abgelehnt wurden. Statt Marktlogik orientierten sich die Vorstellungen der Menschen an einem „guten und richtigen Leben“. „Gerechte Preise“ waren solche, die ein auskömmliches Leben erlaubten. Gearbeitet wurde nur so lange und so hart, wie es nötig war, um die Bedürfnisse zu befriedigen. Der Unmut gegen die neuen Verhältnisse entlud sich in spontanen Aufständen. In den Texten schmökernd, verstehe ich, warum das Buch Anfang der 1980er Jahre so viel gelesen und diskutiert wurde: In der damaligen Krise, die dazu beitrug den historischen Kompromiss zwischen Arbeit und Kapital im Fordismus aufzukündigen, erkannte man Parallelen zwischen den „Brotaufständen“ der 1980er Jahre und jenen des 18. Jahrhunderts. Und die autonomen Straßenkämpfer von Zürich, Berlin und Hamburg sahen sich in einer Traditionslinie mit den jungen Männern die 200 Jahre zuvor aus Protest gegen hohe Kornpreise Straßen blockiert und Händler verprügelt hatten. (hl)

Edward P. Thompson: Plebeische Kultur und moralische Ökonomie.
Aufsätze zur englischen Sozialgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts.
Ullstein, Frankfurt am Main/Berlin/Wien 1980