DAS ÖSTERREICHISCHE DARAN HAT MICH INTERESSIERT

Der Film Einmal mehr als nur reden, der derzeit in den heimischen Kinos läuft, erzählt von der österreichischen Arbeitsbrigade „Februar ‚34“, die 1984 beim Aufbau Nicaraguas nach der Revolution helfen wollte. planet sprach mit der Regisseurin Anna Katharina Wohlgenannt über Erinnerungen und Wendepunkte. Das Gespräch führte Daniela Ingruber.

 

planet: Sie begeben sich mit Ihrem Film Einmal mehr als nur reden auf die Spuren von ÖsterreicherInnen in Nicaragua, in einer Zeit, als es noch viele Solidaritätskomitees gab. Heute scheint das weitgehend vergessen. Woher kam das Interesse, für ihren ersten Kinodokumentarfilm solch ein Thema aufzugreifen? Hat das mit einer besonderen Liebe zu Mittelamerika zu tun?

Wohlgenannt: Nein. Meine Mutter ist sehr oft in Mittelamerika gewesen. Ich habe Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Spanisch studiert und habe mich vor allem mit lateinamerikanischem Film intensiv auseinandergesetzt. Von den dortigen Befreiungsbewegungen habe ich mich allerdings auch persönlich berührt gefühlt. Es ist einfach, eine emotionale Verbindung herzustellen, wenn man sich mit Völkern und deren Wunsch befreit zu werden auseinandersetzt. Da spürt man selbst auch eine gewisse Kraft und vielleicht auch Freiheit. Ich glaube, dass sich damals viele im Grunde genommen aus einem eigenen Befreiungsdrang heraus angeschlossen haben und dorthin gefahren sind.

Stolz zu sein, etwas beitragen zu können? Das wird ja im Film auch so benannt.

Ja, genau.

In Österreich ist das revolutionäre Potential prinzipiell eher gering.

Für mich war ein starker Moment meiner eigenen Sozialisierung die schwarz-blaue Wende im Jahr 2000. Ich fand, dass da wirklich eine starke Bewegung in der Bevölkerung war. So habe ich das jedenfalls sehr intensiv erlebt. Wir waren auf vielen Demonstrationen. Mit einer Revolution lässt sich das schwer vergleichen, aber von diesem gemeinsamen Aufbruch her, ja.

Eine Bewegung, die zusammenschweißt, obwohl man einander noch nie zuvor gesehen hat?

Absolut.

Es kommt schön heraus, dass es nicht nur ein Film über die Erinnerung an Nicaragua und die Revolution ist sondern vor allem auch ein Film über persönliche Erinnerungen. Wenn Sie all diese Geschichten und Erinnerungen zusammen betrachten, ergibt sich ein zusammengefügtes Bild der Erinnerungen oder eher viele kleine unterschiedliche Erinnerungsgeschichten?

Manchmal waren die Erinnerungen an gleiche Situationen tatsächlich unterschiedlich. Über die wichtigen Punkte waren sich aber alle einig. Es gab einige, die eine wirklich lebendige Erinnerung hatten, mit einem fast fotografischen Gedächtnis. Es war interessant für mich zu sehen, was man sich merkt; und wie unterschiedlich das ist.

Sie sagen immer wieder, es ist letztlich ein ganz österreichischer Film. Warum das?

Nicht letztlich, sondern von Anfang an war es das Österreichische, das mich so daran interessiert hat, als ich das Filmmaterial entdeckte. Das hat mir gefallen. Auch in den Gesprächen wollte ich dann, dass sie sprechen wie im Alltag, nicht hochdeutsch. Ich finde das wichtig.

Haben Sie diesbezüglich interveniert?

Bei den meisten kam das ganz natürlich so.

Das fand ich bei dieser Brigade so toll: Es waren alle Bundesländer vertreten, auch drei Generationen, die 18-jährige Maturantin und der 63-jährige Pensionist. Auch die sozialen Schichten, Intellektuelle, „Studierte“ und „Hackler“, Angestellte.

Wie sind Sie für Ihren Film an die späteren ProtagonistInnen herangetreten?

Helmut Stockhammer war mein erster Anknüpfungspunkt und ist im Film auch dabei. Er hat mir Kontakte gegeben und ich bin dann von Person zu Person gegangen. Irgendwann habe ich eine Liste mit den BrigadeteilnehmerInnen gefunden. Ich habe einfach angerufen und mein Interesse bekundet. Damals war für mich selbst auch noch nicht klar, was es wird. Mich haben die Geschichten fasziniert, die die Leute erlebt haben.

War von Anfang klar, dass es ein Dokumentarfim würde?

Nein, gar nicht. Ich hatte überlegt, ob ich ein Theaterstück schreiben soll. Aber dann, als ich das alte (Film)Material sah! Aufgrund dieser Materiallage war es nahe liegend und logisch, einen Dokumentarfilm zu machen.

Einige derer, die damals dabei waren, haben Karrieren eingeschlagen, wo es vielleicht gar nicht so gut ankommt, in der Vergangenheit einer Revolution gedient zu haben. Wie schwierig war es die Leute zu überreden, in diesem Film mitzumachen?

Die Reaktion war überwiegend positiv. Nur ein paar waren ein wenig zurückhaltender. Bei zwei Personen ist mir ganz intensiv bewusst geworden, dass es für sie ein schöner Moment war, um wieder einmal zurückzublicken, in alten Sachen zu kramen und sich zu erinnern. Eigentlich war ich spät dran mit dem Film, denn letztes Jahr wären zwei passende Jubiläen gewesen: 25 Jahre Reise und 35 Jahre Revolution.

Es kommen einige Personen im Film vor, die später politisch tätig wurden. Glauben Sie, dass diese Nicaraguareise damals prägend war? Oder war es umgekehrt: Sind sie mitgefahren, weil sie stark politisiert waren?

Herbert Sburny war vorher natürlich schon lange politisch tätig. Das war ein Stein in seiner politischen Laufbahn. Aber viele waren damals noch sehr jung. Für sie war das bestimmt eine Zeit der Politisierung. Es war eine sehr gemischte Gruppe, darunter auch Leute aus der Katholischen Kirche. Für eine von ihnen war es gewiss prägend, sie ist nach der Reise von daheim weggezogen. Viele waren schon in Organisationen, aber ich würde sagen, für die meisten war es wirklich ein Knackpunkt.

Im Film erzählen die ProtagonistInnen ihre Geschichte großteils einzeln, manchmal zu zweit, daheim oder in ihrer Arbeit. War je angedacht, mit den Leuten zurück nach Nicaragua zu reisen?

Ursprünglich gab es mehr situatives Material. Aber beim Schnitt haben wir dann festgestellt, dass das zu sehr ausfranst, wenn wir die Gespräche haben, das Archivmaterial und dann noch die Personen in ihrem „heute“. Wir haben Tests gemacht und dann beschlossen, dass es besser ist, sich auf die Gespräche zu konzentrieren, weil darin viel Stärke liegt.

Eine so gemischte Gruppe, man müsste davon ausgehen. dass es Konflikte gegeben habe. Im Film deutet das nur eine Person an. Hatten Sie das Geühl, Ihre InterviewpartnerInnen hätten die Konflikte absichtlich ausgespart?

Das ist so eine Sache. Die Brigade-Bewegung wurde damals von vielen Seiten als naive Spinnerei abgeurteilt. Wenn die BrigadistInnen mit Konfliktgeschichten zurückgekommen wären, hätte das diese Vorurteile nur bestätigt.

Was schon einige thematisierten, war, dass nicht alle intensiv arbeiteten. Dass viele lieber in den Hängematten geblieben waren. Das wurde aber nicht verurteilt – was ich gut finde.

Quasi eine Solidarität auch untereinander und bis heute gegenüber dem Projekt?

Genau.

Sie nennen die Namen der Personen im Film spät. Hat das damit zu tun? Mit dieser Solidarität und dass sie nicht nur als Einzelpersonen sondern für das Projekt stehen?

Ja.

Im Film wird der Unterschied zwischen Herz und Hirn in solch einer Situation und vor allem in einer lebensgeschichtlichen Entwicklung thematisiert. Kann man das auch als Motto des Films begreifen?

Als Herbert Sburny das aufbrachte, wusste ich, seine Geschichte wird die Botschaft am Schluss, dass man sich in jungen Jahren getrauen sollte, so etwas zu tun – mit dem Herzen.

Der Film muss für Sie auch eine Herzensentscheidung gewesen sein, denn es handelt sich definitiv nicht um ein Mainstream-Thema.

Auf jeden Fall.

Heute geht es wahrscheinlich nicht mehr um Revolution sondern um den Kampf ums gute Leben für alle, den IdealistInnen unterstützen würden.

Ja. (lacht)