MAN WIRD SCHNELL SCHUBLADISIERT
Der Kabarettist und Radiomoderator Dirk Stermann lebt seit über 20 Jahren in Wien. Im planet-Interview spricht Stermann über den Begriff „Heimat“, die fehlende Strenge in der österreichischen Politik und warum man als normaler Bürger deutschen BundeskanzlerInnen nicht dabei zusehen kann, wie sie eine Wurst essen.
planet: Sie leben seit über 20 Jahren in Österreich und sind der wahrscheinlich bekannteste in Österreich lebende Deutsche, auch dank ihrer Medienpräsenz. Gibt es auf ihre Herkunft abzielende Fragen, die Sie mittlerweile nicht mehr hören können?
Dirk Stermann: Ich finde eigentlich das gesamte Thema mittlerweile sehr nervig, ertappe mich aber dabei, das auch zu tun. Gestern war ich zum Beispiel bei einer Lesung in Linz und fragte eine Schwedin, wie das für sie in Österreich sei und habe sie über Astrid Lindgren ausgefragt. Als MigrantIn wird man halt schubladisiert und offensichtlich ist es meine Lebensaufgabe zu erklären, wie es ist, als Deutscher in Österreich zu leben. Eigentlich müsste ich für meine ständigen Bemühungen, dass Deutsche in Österreich nicht nur als Arschgesichter wahrgenommen werden, längst ein Bundesverdienstkreuz bekommen haben.
Seit einigen Jahren treffen sich Deutsche vermehrt in der österreichischen Öffentlichkeit, um zum Beispiel gemeinsam Fußball zu schauen. Sind Sie da mit von der Partie?
Ich war noch nie bei einem solchen Treffen dabei und finde das auch ein bisschen befremdlich. Ich gehe ja nicht aus einem Land weg, um dann im anderen Land das alte Land wieder neu aufzubauen. Ich habe hier auch nicht sehr viele deutsche Freunde und wenn doch, dann nicht aufgrund ihrer Herkunft. Ich weiß, dass auch Vorarlberger sich einmal die Woche in Wien treffen und gemeinsam Kässpätzle kochen. Für mich wäre das aber nichts, es wirkt so aufgesetzt.
Wo ist für Sie „Heimat“?
Der Rhein und die Stadt Düsseldorf bedeuten für mich Heimat. Auch zum Ruhrgebiet habe ich eine sentimentale ideologische Nähe, auch wenn die dortigen Städte eher hässlich sind und ihren Bewohnern in der früheren – von Bergbau und Industrie gekennzeichneten – Arbeitswelt nichts geschenkt wurde. Die Städte im Ruhrgebiet nehme ich daher als „ehrliche Haut“ wahr, während München zum Beispiel für mich immer eine geschminkte Stadt war.
Wien könnte man aber auch als geschminkte Stadt beschreiben.
Ja, aber auf eine andere Art und Weise. Außerdem habe ich den Schminkprozess in Wien selbst erlebt. Als ich damals nach Wien kam, war die Stadt noch viel grauer und osteuropäischer als heute.
Hätten Sie als Deutscher in Deutschland genauso viel Erfolg gehabt, wie als Deutscher in Österreich?
Ich wollte beruflich immer etwas machen, das ich gerne mache. Das ist mir dann schließlich hier in Österreich leichter gefallen, weil das Land kleiner ist und kürzere Wege zu beschreiten sind. Auch was die eigene Karriere oder das Vernetzen mit Leuten betrifft. In Deutschland hatte ich es nicht zu mehr als kurzzeitigen Jobs bei Lokalredaktionen von Radiosendern oder Zeitungen gebracht. Als ich aber nach Wien kam, saß eines Tages im Café Landtmann zwei Tische weiter der ehemalige Bundeskanzler Fred Sinowatz. In Deutschland wäre es unvorstellbar gewesen, dass am Nachbartisch Helmut Kohl sitzt und ich ihm dabei zusehen kann, wie er eine Wurst isst.
Also war es für Sie ein Vorteil, dass Österreich kleiner als Deutschland ist?
In Österreich ist alles dichter und das beruhigt mich auf eine gewisse Art und Weise. Wenn man in Deutschland in der Medienbranche arbeiten will, muss man sich zwischen Berlin, Hamburg, München oder Köln entscheiden und man weiß nie, ob man die richtige Wahl getroffen hat. In Wien dagegen weiß man, dass man richtig ist. Das beruhigt mich als Mensch und wenn ich beruhigt bin, kann ich viel bessere Sachen machen.
Hat Ihnen Ihre öffentliche Koketterie mit dem Deutschsein bei der Karriere in Österreich geholfen?
In Deutschland wäre ich einer von 80 Millionen gewesen, hier war ich zum damaligen Zeitpunkt einer von wenigen Deutschen. Österreicher haben eine merkwürdige ambivalente Meinung gegenüber Deutschen. Es gibt hier ein Grundvertrauen in die Fähigkeiten von Deutschen, die für mich vollkommen unbegründet ist. Daraus entsteht eine Verbindung aus Komplex und Arroganz gegenüber dem nördlichen Nachbarn.
Dieser Komplex macht es dir als Deutschem natürlich leichter, weil dir automatisch einiges zugetraut wird. Auf der anderen Seite ist man als Deutscher in Österreich eher unsexy. In Deutschland ist das genau umgekehrt: Da wird das Österreichische als schön empfunden und es spielt keine Rolle, was ein Österreicher sagt, denn die Leute finden hübsch, wie er es sagt.
Darf man sich als Deutscher hier mehr herausnehmen?
Ich nehme mir bei meiner Arbeit viel heraus, bin mir aber nicht sicher, ob mich das sehr beliebt macht. Ich trug in der „Willkommen Österreich“-Sendung, die wir nach dem Tod von Jörg Haider machten, eine Kärntner Tracht. Das war damals definitiv ein zusätzlicher Kritikpunkt an der Show. Da hat quasi ein Deutscher die Tracht entweiht und wenn sich ein „Außenstehender“ so was herausnimmt, wird es gleich doppelt arg empfunden. Dabei war es reiner Zufall, dass ich damals den Kärntneranzug trug, denn mir passte er besser als meinem Kollegen Christoph Grissemann.
Fühlen Sie sich als Deutscher, als Österreicher oder gar als Europäer?
Ich fühle mich als Deutscher in Wien. Europäer klingt mir zu groß. Leute, die das sagen, klingen eher nach Adenauer oder de Gaulle und das will ich nicht. Wenn man jedoch das erste Mal in die USA reist, merkt man sehr schnell, dass man Europäer ist.
Und das ist auch gut so, denn man kann heutzutage kein größeres Glück haben, als in Europa zu leben. Außer du bist Kosovo-Albaner und wirst ständig abgeschoben.
Gibt es etwas, was Sie hier in Österreich stört?
Wenn man lange hier lebt, wird man sehr abgestumpft und man hat sich hinsichtlich der österreichischen Politik schon an wahnwitzig viel gewöhnt und rechnet immer mit dem Schlimmsten. Dieser Tage war mein Bruder aus Deutschland mit seinen Schülern auf Klassenfahrt in Wien. Seine Schüler haben ständig die FPÖ-Plakate fotografiert, dabei den Kopf geschüttelt und sich gefragt, wie solche Sprüche möglich sein können. Durch die Reaktion der Außenstehenden fällt einem das dann selbst wieder auf. Das Problem ist, dass Österreich nicht streng genug ist. Das betrifft nicht nur die Politik sondern auch Gesellschaft und Wirtschaft. Die Menschen dürfen hier viel zu viele Dinge machen und sagen, ohne dass sie deshalb Konsequenzen fürchten müssen. Das finde ich unfassbar.
DAS GESPRÄCH FÜHRTE PHILIPP-STEPHAN SCHNEIDER.
ZUR PERSON
Dirk Stermann, 1965 in Duisburg (Nordrhein-Westfalen) geboren, lebt seit 1987 in Wien und arbeitet seit 1988 für den ORF. Seit 1990 moderiert er gemeinsam mit Christoph Grissemann die Radiosendung „Salon Helga“, es folgten gemeinsame Kabarettprogramme und Fernsehproduktionen (derzeit „Willkommen Österreich“ im Rahmen der ORF-„Donnerstag-Nacht“). Zuletzt erschien von Dirk Stermann das Buch „6 Österreicher unter den ersten 5 – Roman einer Entpiefkenisierung“ (Ullstein Verlag).

