NUR EINE FLUT MEHR
Die Flutkatastrophe in Costa Rica blieb von den Medien unbeachtet, weil negative Schlagzeilen vor der Tourismussaison als nicht besonders hilfreich gelten. Nur über den Umweg des steigenden Kaffeepreises aufgrund zerstörter Ernten könnte noch über die Katastrophe berichtet werden.
Der Trend geht hin zu Luxusvarianten, verkünden Firmen, die ihren Kaffee – samt Zusatzstoffen – gerne in Einzelkapseln pressen. Tatsächlich hat sich der Kaffeekonsum in Mitteleuropa in den letzten Jahren stark verändert. Die Tendenz geht hin zum Lifestyle-Produkt. Gegen das ökologisch schlechte Gewissen helfen fiktive Recyclingmodelle. Fair gehandelter Kaffee hingegen weicht dem vermeintlichen Luxus, bei dem die Konsistenz der Crema auf dem Kaffee fast schon wichtiger ist als der Kaffee an sich. Unverändert hingegen sind die Arbeitsbedingungen, etwa in Guatemala, wo Kinderarbeit noch eine Selbstverständlichkeit auf den Kaffeeplantagen ist und Bildung sowie medizinische Versorgung meist an den wenigen Cents scheitern, die für den Bus zu bezahlen wären.
Viel besser ist die Situation auch in Costa Rica nicht. Hauptsächlich SaisonarbeiterInnen aus Nicaragua arbeiten auf den Feldern. Sie werden schlecht bezahlt und noch schlechter behandelt. Der Rassismus geht so weit, dass selbst vermeintlich gebildete Menschen davon sprechen, wie „anders“ die Menschen aus Nicaragua doch seien, faul und unwillig sich zu integrieren.
Die Kaffeeernte im Herbst 2010 wirft allerdings für die SaisonarbeiterInnen ebenso wie für die Bauern andere Sorgen auf: Die aktuelle Ernte wird auf vielen Feldern nicht eingebracht werden können. Überschwemmungen machen einen Teil des Urlaubsparadieses Costa Rica bereits seit Anfang November unzugänglich. Der Kaffee verfault auf den Feldern.
Das ist nur eine der Folgen einer außergewöhnlichen Regenzeit.
Ein Berg zerbricht
Anfang November in Escazú, einem kleinen Ort nahe der Hauptstadt San José. Eine Nacht wie jede andere, außer dass der Regen schon ungewöhnlich viele Tage lang ununterbrochen auf das Dach prasselt. Einige Straßen sind bereits unbefahrbar, der Strom fällt aus. Noch vor dem Morgengrauen dann ein dröhnender Lärm. Der nahe gelegene Bach tritt über die Ufer. Geröll und Schlamm folgen und reißen eine Kleinsiedlung mit. Die Menschen werden im Schlaf überrascht. Man hört Schreie, die rasch wieder verstummen. Ein halber Ort liegt unter den Trümmern begraben. Mit bloßen Händen suchen Überlebende nach ihren Familienangehörigen und Nachbarn, ehe sie selbst gezwungen werden, ihre Häuser zu verlassen und in eine Schule zu übersiedeln.
Als die Bagger kommen, ist der Bürgermeister bemüht zu betonen, dass man alles tue, um den Menschen zu helfen, dass sie aber selbst schuld seien, da man sie gewarnt hätte. Wahlkampfgerede, da sich ein Unglück ein Monat vor der Wahl nicht so gut macht. Die Betroffenen wiederum sagen, man habe ihnen nie etwas von der Gefahr erzählt und die Geologen wiederholen, wovor sie bereits in einer Studie gewarnt hatten: Der gesamte Berg ist auseinandergebrochen, ein Viertel etwa sei in jener Nacht herabgefallen. Der Rest werde folgen, heute, morgen, beim nächsten Regen oder Erdbeben.
Der Regen geht weiter, im gesamten Land häufen sich Meldungen von Überschwemmungen und Lawinen. Es wird Alarmstufe rot ausgerufen. Der Alltag aber geht weiter, weil ohnehin niemand weiß, was das bedeutet. Zehn Tage später erst wird die Bilanz klar: 28 Todesopfer. Zuviel für die Hinterbliebenen, zuwenig für die Medien. 4.000 Flüchtlinge, die in 86 Notlagern untergebracht wurden. Fast 5.000 Personen mussten ihre Häuser für immer verlassen, weitere 35.000 haben zumindest die theoretische Chance einer Rückkehr, sofern es nicht wieder regnet. Sonst könnten weitere 50.00 hinzukommen, sagen wieder die Geologen. Mehr als 316.000 Menschen waren von langfristigen Stromausfällen betroffen. Schulen mussten schließen, weil sie als Notlager gebraucht wurden, 85 Brücken wurden teilweise weggespült und 439 Straßen zerstört, meldet die Nationale Kommission für Unfallverhütung und Notfallhilfe (CNE). Die ersten Schätzungen belaufen sich auf einen Schaden von 100 Millionen US-Dollar. Schon wenige Tage später revidieren die Zeitungen die Zahlen stark nach oben – das ist so ziemlich das Einzige, was berichtet wird. Nach der Flut von Pakistan mit ihren Millionen Opfern im Sommer 2010, die trotz aller Medienberichterstattung bereits im November aus dem Gedächtnis gelöscht war, ist der Ausnahmezustand in einem kleinen Staat wie Costa Rica zu uninteressant.
Und das sogar für Costa Rica selbst. Denn das Unglück kommt zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt: Die Tourismussaison beginnt Ende November und zudem ist die Regierung in Verhandlung mit einigen Großinvestoren aus Kanada und den USA, die Land an der Küste kaufen und Hotelburgen darauf setzen wollen. Da kommen Schreckensmeldungen ungelegen. Auch hat die Regierung durch ihren aktuellen Grenzstreit mit Nicaragua national wie international gerade genug zu tun. So wird rasch finanzielle Hilfe zugesagt, obwohl man weiß, dass das Geld dafür nicht vorhanden ist. Die Betroffenen sind das gewöhnt. Sie glauben sowieso eher an Gott als an die Regierung. Die Notlager werden auch eher von religiösen Gruppen als von Regierungsleuten besucht.
Frühwarnsysteme als Luxusprojekt
Auch andere Orte sind von Gerölllawinen und Überschwemmungen betroffen. Parrita etwa, an der Pazifikküste. Auch dort verwandelte sich ein Bach in einen reißenden Fluss, Häuser standen bis zum Dach unter Wasser – und doch wird gerade dort klar, dass das Unglück von Escazú vermieden werden hätte können. Parrita nämlich hat ein Frühwarnsystem, das alle Behörden und Einsatzkräfte über Funk informiert; an normalen Tagen halbstündlich, bei Bedarf auch öfter. Fazit: keine Toten, keine Verletzten.
Die Bürgermeister nahe der Hauptstadt kämpfen seit Jahren um ein solches Frühwarnsystem. Die Regierung hat den Wunsch nie erfüllt, weil jeder Cent in Entwicklungsprojekte investiert wird, die mehr dem Tourismus als der Bevölkerung dienen. Präsidentin Chinchilla hat bei ihrem Amtsantritt versprochen, Costa Rica in die Liga der „aufstrebenden Entwicklungsländer“ zu führen. Da blieb kein Geld für Katastrophenprävention. Es könnte die falsche Entscheidung gewesen sein: Drei Wochen nach dem Unglück von Escazú sind noch immer einige Orte im Land unerreichbar. Sie werden aus der Luft versorgt. Die Bauern bringen die Kaffeeernte inzwischen ein, doch sie kann nach wie vor nicht abtransportiert werden. Der Kaffee verschimmelt nun in der Feuchtigkeit der Lager. Da Costa Rica eines der führenden Kaffeeexportländer ist, könnte die Flut doch noch in die Medien gelangen: wenn der Kaffeepreis steigt.
Ansonsten wird es dabei bleiben, dass nur eine kleine Gruppe internationaler StudentInnen der UN-Friedensuniversität in Costa Rica über die Fluten berichtete: https://sites.google.com/site/landslidecostarica2010. Unter ihnen übrigens zwei thailändische Studenten, die nur eine Woche vorher ihren gesamten Besitz bei den Fluten in Thailand verloren hatten. Wer hat eigentlich darüber berichtet?

