CINEMASCHINE – LEBEN IN BILDERN

Foto: Columbia Pictures

Moderne Medien heben Distanz auf und machen die Welt in reproduzierbaren Bildern handhabbar für Massen von Menschen. Das lernen wir aus einem Ur-Text der Medienkultur: Walter Benjamins „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit” erörterte 1936 junge Kulturformen wie Film, Radio und Illustrierte, die dem „Anliegen der Massen“ entspringen, „sich die Dinge räumlich und menschlich ‚näherzubringen’“, sich die Welt in Form von „Reproduktionen“ zu teilen und mitzuteilen. Heißt das soviel wie: Ein Medium „ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen“? Wenn uns dieser Gedanke von Benjamin gefällt, sollten wir den Like-Button betätigen. Was kommt dabei heraus?

Erstens: der seltsame Fall des Benjamin-Button. Zweitens: der Normalfall, dass der Satz auf der Startseite von Facebook erscheint (und nicht von Benjamin ist). Nach Der seltsame Fall des Benjamin Button hat David Fincher nun mit The Social Network die Geschichte von Facebook verfilmt; Jesse Eisenberg spielt jenen Harvard-Nerd, der 2004 die Plattform programmierte. Vielleicht hätten manche erwartet, dass The Social Network so aussehen würde wie die Bild-Form jenes Mediums, von dem er handelt: Dass der Film voll sein würde mit beschrifteten Bildern und Info-Displays – so wie manche markenzeichenhafte Szenen in Eisenbergs vorigem Film Zombieland oder in Finchers Klassiker Fight Club. Doch Fincher nimmt Face und Book beim Wort, bietet Psychodrama über gebrochene Freundschaft, geplatzte Deals und verdrehte Erinnerungen, mit kunstvoll gedrechselten Dialogen in Nahaufnahmen – viel Face und viel Book also.

Es ist schön, wie sich hier ein Film ostentativ absetzt von der Medienkultur, die er behandelt. Anders gesagt (mit Finchers Worten bzw. Filmtiteln): Film ist etwas anderes als ein Game, Fight Club oder Panic Room, als jene Medien, sozialen Netze und Wellness-Tools, die Leben bespielbar, bewertbar und handlich machen. Eine Cinemaschine ist kein social medium, sondern Leben in Bildern. Diese Bilder lassen spüren, wie etwas sich entzieht und vergeht, zumal die Zeit. Dass Zeit vergeht und Dinge sich ändern, ist jener seltsame Fall namens Geschichte. The Social Network führt in eine ferne Zeit, als es Facebook noch nicht gab – so wie Finchers vor-voriger Film die 1970er Jahre ostentativ als eine Welt ohne Datenbanken und Faxgeräte vorführte. Das war der Endlos-Fahndungskrimi Zodiac, von dem die zweite Ausgabe der Cinemaschine handelte, in planet 49, Sommer 2007. Zodiac, Benjamin Button, The Social Network, diese Filme laufen auf dasselbe Ende hinaus wie diese Glosse: Alles verliert sich in der Zeit. (Drehli Robnik)