VOR ORT // MACHEN WIR UNS STARK
Es gibt Orte, an denen fühlt man sich älter werden. Orte, die besonders geeignet sind, daran Erinnerungen und Vergleiche zu knüpfen. Der Heldenplatz in Wien und das Stück Ringstraße davor zählen dazu. In das neuronale Geflecht sind die StudentInnendemos der späten 1980er eingewebt, das Lichtermeer 1993, die schlüsselklimpernden SpaziergängerInnen gegen Schwarz-Blau vor nun auch schon zehn Jahren. Und immer war es Herbst.
So gesehen ist die Location der Kundgebung „Machen wir uns stark“ einfach zu erinnerungsverseucht, um eine neutrale Wahrnehmung zu gewährleisten. Dieser Text leidet also von vornherein an einem massiven subjektiven Bias, an vorstrukturierten, nur schwerlich wandelbaren Wahrnehmungsrastern. Diese Raster sind etwa darauf gepolt, dass Demos mit aufgebrachten Menschenmassen und dem Skandieren von in ihrer Globalität verwaschenen, dafür überall einsetzbaren Sprüchen GEGEN irgendjemanden oder irgendetwas zu tun haben müssen (vgl. „Feuer und Flamme für diesen Staat“).
Die Kundgebung unter dem Motto „Machen wir uns stark“ war ja nun dezidiert eine
Veranstaltung FÜR etwas, sogar für etwas Konkretes, nämlich eine neue Fremden-,
Bildungs-, Verteilungspolitik. Vielleicht war sie deswegen ein wenig anders. Skandiert
wurde nämlich gar nichts, dafür gab’s recht zielsichere Plakate für dies und jenes. Zum Beispiel für „Zahnersatz statt Menschenhatz, Strache zurück an seinen Arbeitsplatz“ (1).
IndividualistInnen konnten an einer Plakatwand in einer eigenen Papiersprechblase ergänzen, wofür sie sich persönlich stark machen wollen. Zu lesen gab es also genug, aber laut – das demogeeichte Hirn verbindet Kundgebungen nun einmal mit Lautstärke – wurde es immer nur auf der Bühne. Na, das war ja früher auch so, könnte man einwerfen. Oben auf der Bühne die RednerInnen, megaphonverstärkt, bissl klatschen, bissl pfeifen, und schon wieder weitertratschen unten. Aber diesmal war auch das anders. Diesmal gab’s ja vor allem Musik – live, unter anderem mit Willi Resetarits, Josef Hader, Wolfgang Ambros.
Wer rechtzeitig den Untertitel von „Machen wir uns stark“ gelesen hatte, erwartete vielleicht genau das: eine Kundgebung mit solidem Line-up. „Willenskundgebung, Manifestation, Konzert“ so nämlich die Definition von „Machen wir uns stark“. Der Konzertteil kam jedenfalls nicht zu kurz. Projekte wurden allerdings auch vorgestellt, „Best-Practice-Projekte“, solche, die mehr Beachtung und Gerschtl brauchen. War interessant, ja.
Aber all dies konfligierte natürlich krass mit besagten subjektiven Demo- Kriterien. Unabdinglicher Bestandteil einer politischen Kundgebung ist diesen zufolge nämlich GEGEN etwas zu sein. Woraus sich ja schließlich die dynamische und im Kern freilich aggressive Energie der Demo, Kundgebung, was auch immer, zu speisen hat. Die Probe aufs Exempel hat gezeigt: Kein Gegen – kein Dampf. Nett war’s. Bisserl zu wenige Leute. Egal, gemütlich war’s. Viele alte Bekannte, auch älter geworden. Da kann man über damals reden. Als wir noch wild waren, und so viele. Und so spontan.
Nicht so ... durchgestylt. „Was Sie heute noch erwartet: Musik, Statements, Entertainment!“ lockt die TV-Moderatorin auf der Bühne. Spät wurde es ... War das jetzt eine Kundgebung? Ich muss umdenken lernen. (mk)
(1) Wer’s vergessen hat: Herr Strache ist gelernter Zahntechniker.

