UNFINANZIERBARE QUALITÄT

Harald Martenstein, Autor und Kolumnist für die Zeit, sagte kürzlich in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, dass sich das journalistische Arbeiten dahingehend verändert habe, dass er zuweilen Angst bekomme: „Journalisten, die unaufhörlich schreiben und plappern und bloggen und den ganzen Tag Sätze aus sich herausströmen lassen, können nicht gut sein, außer, sie sind zufällig Genies. Wir schreiben zu viel, wir haben zu wenig Zeit zum Nachdenken, und das hängt bei vielen mit den sinkenden Honoraren und mit dem Internet zusammen, das wir bedienen müssen, ohne davon leben zu können.“

Den Medien geht das Geld aus. JournalistInnen, die recherchieren, ohne noch am selben Tag einen Artikel zu produzieren, sind kaum mehr leistbar oder sollen es gar nicht mehr sein, weil bestimmte Themen für die eigentlichen Herrscher der Medien, die InserentInnen, unbequem sein könnten. Längst bestimmen sie mehr als nur die bezahlte Anzeige.

Um sie nicht zu verärgern, werden thematische Kompromisse gemacht. Die tagelange oder gar Wochen dauernde akribische Recherche gibt es im Journalismus nur mehr äußerst selten. Sogar die New York Times muss mit ihren Recherchen sparen und kauft Artikel ein. Unter anderem von ProPublica, einem nicht auf Gewinn orientierten, unabhängigen Medienunternehmen, das aus Spenden und von Mäzenen (vor allem von der Sandler Foundation) finanziert wird. 32 JournalistInnen arbeiten für ProPublica, das sein Büro in Manhattan hat. Viele der von ihnen verfassten Artikel werden gratis im Internet angeboten – jedes Medium darf sie weiterverwenden, vorausgesetzt, es ändert nichts am Text. Letzteres gilt auch für Texte, die verkauft werden.

Hauptziel ist es, journalistische Arbeit im öffentlichen Interesse zu leisten. Somit sind große und teure Recherchen notwendig – und über das Spendensystem auch finanzierbar. Dass dieses Projekt Qualität erzeugt, zeigt der Umstand, dass schon ein Jahr nach Gründung der erste Pulitzerpreis gewonnen wurde. Ist das Mäzenatentum somit die Zukunft des Journalismus? Werden BürgerInnen demnächst Spenden an unabhängige Medienunternehmen zahlen müssen, um noch investigativen Journalismus zu erhalten? Die Frage ist derzeit nicht wirklich beantwortbar, gute und traditionelle Medien sind in großen finanziellen Schwierigkeiten, viele Printmedien werden abgeschafft, was im Netz veröffentlicht wird, scheint – zumindest was kleinere Medien und Blogs betrifft – qualitativ unkontrollierbar. Immer öfter aber werden auch bei großen Medienunternehmen gefälschte Recherchen und manipuliertes Bildmaterial nachgewiesen. Zu schnell ist der Journalismus geworden.

Nicht gerade nach einem Hoffnungsschimmer hört sich da die Ankündigung von Arthur Sulzberger Jr., dem Verleger der New York Times, vom September dieses Jahres an, dass er davon ausgehe, dass die Printversion der New York Times 2015 eingestellt werde. Sulzberger ließ diese Bemerkung fallen, als er das neue Bezahlsystem der Online-Ausgabe der New York Times vorstellte. Und genau hier dürfte doch noch ein wenig Hoffnung liegen: Er sagte, dass LeserInnen einen Beitrag leisten müssten, um guten Journalismus und Recherchen zu ermöglichen. Vielleicht ist es tatsächlich egal, ob Print oder Web, solange dabei nicht vergessen wird, was journalistisches Arbeiten bedeutet. (di)